Erfahrungsbericht: Was ist eigentlich ein Microjob?

Wenn von Onlinearbeit die Rede ist und kein gewöhnliches Homeoffice im Angestelltenverhältnis gemeint ist, fällt schnell der Begriff „Microjob“. Darum ranken sich allerlei Mythen, vom digitalen Prekariat, das zu Hungerlöhnen schuftet, bis hin zum flexiblen Weltreisenden, der arbeitet wann, wo und wie viel er möchte. Traum oder Albtraum – was entspricht der Realität?

Kriterien für einen Microjob

Was genau definiert einen Microjob? Zunächst handelt es sich meistens um Aufträge, die lediglich ein internetfähiges Gerät, manchmal auch zusätzliche Komponenten wie Lautsprecher, eine Webcam oder Kamera erfordern. Arbeitsort und Entfernung zu Auftraggeber oder Vermittler sind dabei nicht von Bedeutung. Eine Ausnahme bilden kleine Arbeiten im häuslichen Bereich, wie Haustier- und Babysitting, Bügeln, Putzen, Gartenpflege oder Nachhilfe, die gelegentlich ebenfalls als Microjobs bezeichnet werden, um die es hier jedoch nicht gehen soll.

Ebenfalls charakteristisch für einen Microjob ist die Anonymität: Arbeiter lernen ihre Kunden entweder gar nicht oder nur in einem streng definierten Rahmen kennen. Kundenbeziehungen können manchmal entstehen, von einigen Portalen werden sie jedoch auch bewusst verhindert, um Konkurrenz zu vermeiden. Gemeinsam haben die Arbeiten normalerweise auch, dass sie in kurzer Zeit vollständig abgeschlossen werden können – und sollen –, ohne dass in der Folge Verpflichtungen für eine der beiden Parteien entstehen. Die Tätigkeit erfolgt grundsätzlich als Freiberufler, die Bezahlung als fixes Honorar (teilweise pro Einheit, z. B. Cent pro Wort). Klassische Beispiele für einen Microjob sind: Umfragen, Texterstellung, Stockfotografie, Paidmail, Rechercheaufträge, Zuordnungen z. B. von Katalogmerkmalen, Kreativarbeiten wie Designen von Werbematerialien o. ä. Neu hinzugekommen sind spezielle Jobs via Smartphone, beispielsweise Phrasen zum Training von KIs einsprechen, Verkehrsschilder oder Produkte fotografieren.

Vorteile

  • Hohe zeitliche Flexibilität: Menge und Art der Aufträge kannst du, ebenso wie Arbeitsort und –zeit, größtenteils (aber nicht vollständig!) selbst wählen und an die aktuellen, persönlichen Gegebenheiten anpassen.
  • Viele Aufgaben sind einfach, einige lassen sich ganz ohne Vorkenntnisse erledigen, andere durch Vorkenntnisse, die gut selbstständig erlernt werden können.
  • Du kannst Tätigkeiten nach deinen eigenen Interessen und Fähigkeiten wählen.
  • In vielen Fällen sind Konflikte mit Vorgesetzten, Kollegen oder Kunden deutlich seltener, da nur wenig Kontakt und nahezu keine Abhängigkeit voneinander existiert.

Nachteile

  • Es gibt keinerlei Begrenzung des Honorars nach unten – und das nutzen Unternehmen auch bis zur Schmerzgrenze aus. Honorare von 1-3 Euro pro Stunde sind da keine Ausnahme. Das lapidare Argument größerer Anbieter (Textbörsen, Crowdworking-Portale): Es muss ja niemand machen. Dieselbe zynische Begründung wird auch in anderen Ländern für ausbeuterische Arbeitsverhältnisse genutzt – diese Einstellung macht Mindestlöhne überhaupt erst notwendig.
  • Es existiert keine soziale Absicherung, kein Urlaub, keine Krankentage oder Rentenbeiträge, aufgrund der geringen Bezahlung ist es normalerweise auch nicht möglich, selbst vorzusorgen.
  • Beschwerden über Missstände oder deren Veränderung sind unmöglich, da es weder spezifische Gesetze, noch Gewerkschaften oder neutrale Beschwerdestellen gibt. Viele Unternehmen haben ihren Sitz im Ausland und bieten wenig oder keinen Support bei Problemen.
  • Du bist ständig vollkommen ersetzbar. Funktionierst du nicht perfekt oder beschwerst dich, bist du raus. Für Portale oder Arbeitnehmer existierst du gewissermaßen gar nicht, zumal dir oft nur eine Nummer zugeteilt wird.
  • Das Soziale bleibt, mangels Kontakt zu Kollegen oder Kunden, auf der Strecke – Onlinearbeit macht einsam.
  • Die Aufstiegschancen sind gering, Weiterbildungen werden, wenn überhaupt, nur sehr oberflächlich angeboten. Deine Leistungen werden, ebenso wie Zuverlässigkeit oder Freundlichkeit, für gewöhnlich nicht wahrgenommen, die Aufträge verändern sich nur geringfügig.

Fazit

Grundsätzlich bieten Microjobs interessante Optionen für alle: Für Firmen, die auf viele Hände und Gehirne zurückgreifen und damit gerade große, monotone Arbeiten signifikant schneller als früher erledigen können. Für Vermittlungsplattformen, die einen Ruf aufbauen und den Kontakt gegen eine Provision schaffen und regeln. Und für Menschen, die aus dem einen oder anderen Grund von zuhause oder unterwegs arbeiten können – oder müssen. Leider geht die Realität zulasten letzterer, denn die Dehumanisierung, ständige Verfügbarkeit und fehlender gesetzlicher Schutz ermöglichen ein hohes Maß an Ausbeutung. Zurzeit sind die Arbeitsbedingungen, vor allem das Honorar, daher keine Empfehlung wert.

Meine Wertung:    Bewertung Schlecht

  

Links zum Weiterlesen:

https://arbeits-abc.de/microjobbing/