Textbörsen, freie Texter und Textagenturen – Konkurrenz oder Koexistenz?

Freie Texter haben oft wenig gute Worte für solche übrig, die in Textbörsen arbeiten. Von Preisdumping ist da die Rede, mangelnder Qualität und falschen Erwartungen, die bei Auftraggebern geweckt werden. Aber ist die Konkurrenz wirklich so hart wie angenommen? Oder ist das Verhältnis doch komplizierter?

Freie Texter und Textbörsen: Unterschiedliche Metiers

Um es einfach zu machen: Es gibt Textarten, die von Textagenturen oder freien Textern nicht erledigt werden können. Dazu zählen vor allem Katalogtexte – denn für eine oder zwei Personen ist es unmöglich, innerhalb weniger Tage hunderte, manchmal tausende Beschreibungen anzufertigen, die Kataloge rund um Einrichtung, Mode oder Kosmetik teilweise erfordern. Diese Texte sind zwar kurz – aber eben zahlreich. Dutzende bis hunderte Autoren in Textbörsen haben hingegen leichtes Spiel und der gesamte Katalog kann in einer Woche fertig sein. Anders sieht es aus, wenn ein Auftrag sehr komplex ist und eine vertrauensvolle Zusammenarbeit erfordert. Die Anonymität und Beschränkungen von Börsen wirken hier eher hinderlich. Die Bezahlung ist zu schlecht, um Auftragnehmern lange Besprechungen zu ermöglichen und Texte, die zu Kampagnen mit mehreren Medien gehören, können oft unzureichend eingebettet werden.

Allerdings ist es nur selten schwarz oder weiß – viele Textaufträge liegen irgendwo dazwischen und können theoretisch sowohl von Agenturtextern als auch Börsentextern bearbeitet werden.

Freie Texter und Textbörsen: Zuhause in zwei Welten

So empört sich viele freie Texter und Textagenturen von der Welt der Börsen distanzieren – tatsächlich sind die Überschneidungen groß. Oft treffen die Aufträge im freiberuflichen Markt nur unregelmäßig, manchmal zu spärlich und – so ehrlich muss man sein – manchmal auch gar nicht ein. Diese Löcher stopfen viele Wortkünstler in Börsen und sorgen so für eine gleichmäßigere Nutzung ihrer Kapazitäten. So zumindest die Theorie, die Realität sieht in Anbetracht der Bezahlung natürlich anders aus. Lediglich einige Akkordtexter in höheren Stufen oder beispielsweise die Expertentexter bei Content.de können mit einem Honorar oberhalb des Mindestlohns rechnen.

Und dann gibt es noch die eher fragwürdige Gattung, die ebendiese extrem geringen Preise für sich ausnutzen. So werden Aufträge auch schon mal von Textern unter der Hand an andere Texter weitergegeben. Der Auftraggeber denkt, der renommiertere und von ihm gut bezahlte freie Texter würde die Aufgabe erledigen, tatsächlich schreibt jemand ganz anderes. Das mag im ersten Moment nicht verwerflich klingen, aber diese Texter wissen besser als jeder sonst, für welchen Hungerlohn sie in diesem Fall ihre Kollegen ausnutzen …

Woher ich das überhaupt weiß? Nun, zum einen habe ich meine Texte schon unter dem Namen und Profil von anderen Textern gefunden, beispielsweise in Onlinemagazinen. Zum anderen entdecke ich gelegentlich Briefings mit diesem Hinweis:

Bitte beachten Sie bei möglichen Rückfragen über die Nachrichtfunktion dass Sie nicht content.de erwähnen, da dies unseren Auftraggeber möglicherweise irritieren würde.

Na das lass’ ich mal so stehen.

Ausbildung

Ein häufiger Vorwurf an Börsentexter lautet, sie hätten keine richtige Ausbildung – normalerweise vonseiten freier oder Agentur-Kollegen. Wortwörtlich sogar „da könne sich ja jede Hausfrau Texter nennen“. Das Problem daran (abgesehen von der Diskreditierung von Hausfrauen): Es gibt keine formale Ausbildung als Texter. Klar können darunter auch Lektoren mit Verlagserfahrung, Journalisten oder Germanisten sein, aber das ist weder eine Garantie für Qualität noch die Regel. Bei vielen Textern handelt es sich um Quereinsteiger mit mehr oder weniger Erfahrung und Talent.

Trotzdem würde ich sagen, dass Auftraggeber bessere Qualität bei einer Agentur als bei einem Open Order in einer Textbörse bekommen. Das hat jedoch weniger mit den Fähigkeiten als mehr mit der Bezahlung zu tun: Bei 1,3 Cent pro Wort bleibt keine Zeit für gute Arbeit. Persönlich arbeite ich ebenfalls in beiden „Welten“ und kann sagen, dass ein Text mit dem gleichen Briefing und gleicher Länge für 6 € definitiv anders aussieht als für 60 €.

Vergütung

Börsentexter versauen die Preise. Und überhaupt, wie man sich denn für diese Preise und unter diesen Bedingungen ausnutzen lassen könne. So etwas liest sich recht häufig – was es nicht weniger unsinnig macht. Niemand lässt sich freiwillig mit 3,90 € in der Stunde abspeisen. Das wäre, als wenn eine Münchener Näherin nicht Kik, sondern der ausgebeuteten Nähkraft in Bangladesh vorwerfen würde, sie versaue die Preise. Tatsächlich versauen die Börsen und ihre Kunden die Preise. Das ist lukrativ und daran wird sich ohne eine andere Gesetzgebung wohl auch nichts ändern. Denn dass es keine Menschen mehr gibt, die sich hinreichend in wirtschaftlicher Not sehen, um auch für dieses Geld zu arbeiten, halte ich für unrealistisch. Nicht zuletzt locken Börsen mit einer Reihe von Versprechungen wie besserem Honorar bei höherer Einstufung etc., auf die Unerfahrene aus Naivität hereinfallen. Doch dazu an anderer Stelle mehr.

Fazit

Textbörsen, freie Texter und Textagenturen – das Verhältnis ist kompliziert und teils recht verwoben. Fakt ist, dass man sich hier und dort gegenseitig im Weg steht, aber auch ergänzt. Letztendlich würden aber alle davon profitieren, wenn das extreme Preisdumping in vielen Börsen und Textmärkten ein Ende hätte.